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Zwischen Aufbruch und Vereinnahmung – was der Drei-Horizonte-Ansatz uns lehrt

  • 8. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Juni


Es ist ein Bild, das in mir Resonanz auslöst — drei Kurven, die sich über eine Zeitachse bewegen. Eine sinkt. Eine wogt. Eine steigt. Gemeinsam erzählen sie die Geschichte eines Übergangs – von einer Welt in der Krise zu einer lebensfähigen Welt. Dazwischen: Turbulenz, Experiment, Möglichkeit.


Der Drei-Horizonte-Ansatz, entwickelt von Bill Sharpe und dem International Futures Forum, beschreibt genau diese Bewegung. Horizont 1 ist das dominante System der Gegenwart – es funktioniert noch, verliert aber an Tragfähigkeit. Horizont 3 ist die Vision einer anderen Welt – leise wahrnehmbar, eine nahende mögliche Zukunft. Viele von uns tragen bereits eine Ahnung in sich, wie es anders sein könnte. Und Horizont 2? Er ist das Dazwischen: die Innovationen, Experimente und Übergangsinitiativen, die versuchen, die Brücke zu schlagen.


Warum dieses Bild für meine Arbeit wichtig ist


Dieser Ansatz beschreibt etwas, das ich in der heutigen Wirtschaft sehe und spüre: dass das dominante System seine Tragfähigkeit verliert. H1 ist manchmal bequem, manchmal Standard. Manchmal zeigt es auch Anzeichen dafür, dass uns H1 nicht in die Zukunft trägt.


Meine Arbeit verorte ich in Horizont 2 – ich experimentiere, erforsche, probiere aus. Das Entscheidende dabei ist jedoch: Meine Haltung ist in Horizont 3 verankert – in der Ahnung und Überzeugung, dass zukunftsfähiges Wirtschaften keine Möglichkeit ist, sondern eine Notwendigkeit. Jeder Workshop, jeder Prozess, jedes Gespräch trägt diese Brücke in sich.


Die Herausforderung


H2-Innovationen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie entstehen in Wirtschaftsstrukturen, die von H1 dominiert werden. Mit H1-Geld. In H1-Märkten. Unter H1-Erwartungen. Diese Innovationen laufen Gefahr, von bestehenden Strukturen und business as usual vereinnahmt zu werden anstatt die Brücke zu H3 zu bauen. Einige der anfangs gut gemeinten Übergangsinitiativen werden letztlich genutzt, um H1-Ziele effizienter zu erreichen. Beispiele dafür können sein: Nachhaltigkeit als Marketingstrategie, Purpose als Employer Branding oder Transformation als Optimierungsprojekt.


Die Vereinnahmung geschieht selten böswillig. Sie geschieht eher schleichend — durch Finanzierungslogiken, durch Erfolgskennzahlen, durch den verständlichen Wunsch, anschlussfähig zu bleiben oder zu wachsen. Und plötzlich trägt die Initiative zwar H3-Sprache, dient aber H1-Zielen.


Mein Learning: H2 braucht H3-Klarheit als Anker


Ohne Verwurzelung zu einer H3-Vision fehlt einer H2 Innovation die Standhaftigkeit, die es braucht, um eine Brücke von H1 zu H3 zu bilden. Die Frage „Dient das noch dem, wohin wir wollen?“ ist keine einmalige Standortbestimmung — sie ist eine Haltung, die immer wieder geübt werden will.


Für mich bedeutet das konkret: Ich möchte in meiner Arbeit nicht nur Veränderungsprozesse gestalten, sondern den H3-Nordstern lebendig halten. Das braucht Mut zur Klarheit. Es braucht Räume, in denen diese Fragen gestellt werden dürfen, ohne dass sofort Effizienz und Anschlussfähigkeit als Antwort kommen. Es braucht eine Wertebasis, die durch Herausforderungen gestärkt und gelebt wird. Gleichzeitig ist die individuelle Haltung nicht ausreichend – es braucht Strukturen, die H2-Innovationen ermöglichen und vor H1-Vereinnahmung schützen. Staat, Stiftungen und Institutionen können hier eine aktive Rolle einnehmen: Sie haben die Möglichkeit, die erforderlichen Räume zu schaffen, in denen das Neue wachsen kann, ohne sofort den Gesetzen des alten Systems zu gehorchen.


Und es braucht Gemeinschaft. Denn wer allein in H2 arbeitet, verliert die Orientierung leichter als jemand, der Teil eines Netzwerks ist, das H3 gemeinsam lebt und hütet. Deshalb ist zukunftsfähig wirtschaften kein Projekt. Es ist eine Haltung und eine Einladung dazu, neue Kulturen zu leben, neue Formen des Arbeitens auszuprobieren, eine neue Sprache zu sprechen und ein neues Miteinander zu gestalten. Das Morgen nicht abzuwarten, sondern es schon heute zu leben — oder zumindest zu wagen.


Liebe:r Leser:in, welche notwendigen Strukturen und Akteure siehst du, um den H2-Initiativen den nötigen Raum zu geben, damit sie erfolgreich die Brücke von H1 nach H3 bauen können?

 
 
 

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